Siebdruck als Übersetzungsform

„Es sind die Verfahren an und für sich, die mich interessieren.  Das Bild ist nicht wirklich notwendig.“

Sigmar Polke

Der Siebdruckprozess transformiert Bildinhalte auf vielfältige Weise. Zum Beispiel werden Fotografien mittels des 4-Farbdrucks (CMYK) auf ein Trägermaterial übertragen. Dabei entsteht mehr als nur eine bloße Kopie; die Struktur der Druckfarbe und die Beschaffenheit des Siebes verändern das Original, wodurch die traditionelle Vorstellung von Originalität herausgefordert wird. Jede Kopie kann als eigenständiges Kunstwerk betrachtet werden, das trotz seiner Reproduzierbarkeit Variationen und Nuancen aufweist. Der Druckvorgang selbst, einschließlich kleiner Unregelmäßigkeiten und Unterschiede im Farbauftrag, macht jede Reproduktion zu einem Unikat. 

Um dies noch weiter auf die Spitze zu treiben, werden auf Leinwandarbeiten, die zuvor malerisch bearbeitet wurden, nur einmalig mit dem Siebdruck bearbeitet. vergleichbar mit einem lichtempfindlichen Film in einer analogen Kamera. Ein Motiv aus dem Archiv wird ausgewählt, um nach Roland Barthes einen poetischen Raum zwischen dem Erkennenden und dem zu-Erkennenden zu eröffnen. 

„Das Foto berührt, weil es Spuren vitaler Leibhaftigkeit und von Blicken enthält, die längst vergangen sind. Über das Fotografieren wird eine fotografische Realität geschaffen, deren Wahrnehmung spezifischen Regeln folgt. Im Unterschied zu Gemälden regen Fotografien uns an, den gezeigten Ausschnitt auf die Wirklichkeit der (fotografischen) Situation zu beziehen. Wir versuchen zu identifizieren, was abgebildet ist, dabei neigen wir dazu, räumlich und zeitlich über diese Begrenzungen hinauszudenken.“ (Danyel 2017: 84)
 

Barthes Betrachtungen über die Photographie, wie die Transformation des Subjekts zum Objekt und die Wiederbelebung vergangener Begegnungen durch Bilder, wird durch den Siebdruck auf Leinwand angewendet. Hierbei wird das Abbild der Fotografie durch das Sieb auf den Druckträger übertragen, wobei eine bestimmte Perspektive eingenommen wird, ähnlich wie Fotograf*innen bei der Aufnahme des Motivs. Diese Perspektive wird im Siebdruck durch den Prozess der Bildvorbereitung, des Belichtens des Siebs und des Druckens selbst eingefangen. Somit wird die einst fremd abgelichtete Fotografie durch die Neuinterpretation auf einem anderen Bildträger zu einem neuen Abbild der Wirklichkeit. 

Das Einfangen des Moments wird verzerrt. Die Mediatisierung durch das Sieb verleiht dem Bild eine gewisse Distanz, während gleichzeitig neue Details und Aspekte enthüllt werden, die im Original nicht sichtbar waren. Die Oberfläche des Drucks teilt dem Betrachtenden nicht nur Informationen über das Motiv mit, sondern auch über die Technik und den Prozess. Ähnlich wie Barthes argumentiert, dass Porträtbilder mehr über die Perspektive des Fotografierenden als über das abgebildete Subjekt erzählen, stelle ich die These auf, dass Siebdrucke die Hand des Druckmachenden und den Prozess der Herstellung, in Form des Gestus der Künstlerin/ des Künstlers ebenso offenbaren wie das eigentliche Motiv. 

Wie bei der Fotografie wird beim Siebdruck die Existenz eines geliebten Menschen beglaubigt, indem es Erinnerungen und Emotionen hervorruft. Betrachtet man einen Siebdruck einer vertrauten Szene kann dies ähnliche Gefühle der Nostalgie und des Wiedererkennens hervorrufen wie bei einer Fotografie. Das Punctum, das Barthes in der Photographie identifiziert, das Zufällige oder Überraschende, das den Betrachtenden berührt, wird durch die subtile Unregelmäßigkeit im Druck und der hindurchscheinenden Malerei, die einer bröckelnden Fassadenwand gleicht, verdeutlicht. Der vergangene Moment wird durch das aktive Aufblicken, Heraustreten, Anblicken, Eingreifen und Ansprechen reanimiert. So wird die einst fremd abgelichtete Fotografie durch die Neuinterpretation auf einem anderen Bildträger zu einem neuen Abbild der Wirklichkeit. Das aktive Ins-Bild-Setzen und das Abbilden bedeuten wirkliches Vorfinden, Befinden, Aufnehmen und Ausschneiden. Der Siebdruck als Methode des Ins-Bild-Setzens ermöglicht es, den Moment des Dazwischen, dem Vergangenen und Gegenwärtigen, dem Analogen und Digitalen, zu erfahren.

Wudtke, Birgit: Fotokunst in Zeiten Der Digitalisierung. Künstlerische Strategien in Der Digitalen Und Postdigitalen Phase, Bielefeld, 2016.