„Ich male das, was ich nicht fotografieren kann. Ich fotografiere das, was ich nicht malen will.“
Man Ray
Die Fotografie trägt das Versprechen in sich, einen Moment der Realität festzuhalten und somit ein Fenster zur Wirklichkeit zu öffnen. Die Kamera fungiert als ein mechanisches Auge, das in der Lage ist, flüchtige Augenblicke persönlicher Ereignisse, Alltagsszenen, historisch-politische Ereignisse festzuhalten und zu dokumentieren. Durch das Objektiv einer Kamera können wir die Welt auf eine Weise sehen und erleben, die mit bloßem Auge oft verborgen bleibt. Es bietet uns die Möglichkeit, über von der Fotografie erfassten Augenblicke immer wieder zu betrachten und zu reflektieren. Doch zeigen Fotografien die Wirklichkeit par excellence?
Bisher ist die Beziehung zwischen Fotografie und Realität zwar nicht unbeachtet geblieben, aber dennoch ungeklärt. Dies mag angesichts der über 150-jährigen Historie der Fotografie verwunderlich erscheinen; ist jedoch nicht unbegründet. Im Gegensatz zur technischen Entwicklung und Anwendung der Fotografie in allen gesellschaftlichen Bereichen, blieb die geisteswissenschaftliche und philosophische Auseinandersetzung mit dem Medium auffallend distanziert. Die wenigen theoretischen Ansätze des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verpufften oft im sogenannten ‚Kunststreit‘ darüber, ob Fotografie Kunst sei oder nicht, eine Debatte, die das Medium seit seinen Anfängen begleitet.
Betrachtungen zur Ästhetik der Fotografie nehmen bis heute einen größeren Raum in der Literatur ein als theoretische Überlegungen zur Fotografie selbst. Zu den prominentesten Vertreter*innen zur theoretischen Perspektive gehören unter anderem Rudolf Arnheim (1932, 1974), Walter Benjamin (1977), Siegfried Kracauer (1963), Max Bense (1965), Roland Barthes (1980)und Susan Sontag (1980).
Die zuvor unangefochtene Annahme, dass Fotografien die Natur abbilden, wurde zunehmend in Frage gestellt, ohne dass ein allgemein anerkanntes alternatives Modell gefunden wurde. Die Problematik liegt im Medium selbst: Sein und Schein, Wahrheit und Täuschung sind eng miteinander verwoben. Künstler*innen wie Cindy Sherman und Andreas Gursky nutzen die Fotografie, um Realität zu inszenieren und gleichzeitig zu hinterfragen. Ihre Arbeiten verdeutlichen, dass auch in der Fotografie eine Schicht der Interpretation und Bedeutung liegt, die über das rein Abbildhafte hinausgeht. Die technische Entwicklung der Fotografie hat diesen Aspekt weiter vertieft. Die technische Reproduktion wird seit den Arbeiten von Benjamin, Kracauer, Bazin und Barthes häufig auf die „Ontologie des fotografischen Bildes“ (Bazin 1975: 21-27) zurückgeführt. Diese Perspektive betont die Besonderheit der Fotografie, die laut Bazin „von der Übertragung der Realität des Objektes auf seine Reproduktion profitiert“. (Bazin 1975: 24)
Barthes erweitert diesen Gedanken und sagt, dass das Wesentliche der Fotografie in der Verbindung von Realität und Vergangenheit liegt. Er beschreibt die Fotografie als Emanation des Referenten.
Mit digitalen Kameras und Bildbearbeitungssoftware können Fotografien bzw. Bilder manipuliert und verändert werden, wodurch die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt. Dies wird durch die Einführung der KI-Funktionen durch DALL-E, Adobe Cloud und Meta weiter verschärft, indem Bilder mit Hilfe einer Bild-Datenbank neu entstehen. Das technische Simultan nach Baudrillard, Bolz, Kittler und Virilio wird in ihrer völligen Loslösung von der in der Fotografie beschworenen Realität gesehen. Die in der Ontologie des fotografischen Bildes beschworene Dualität von Sein und Schein, von Realität und Bild wird ins Unendliche getrieben. Die Realität der neuen Medien wird mit Begriffen wie Virtualität, Immaterialität, Digitalität und Interaktivität beschrieben und in der Annahme einer universellen Fiktionalität und Hyperrealität verortet, deren Bezugsgröße nicht länger das platonische Sein, sondern der Computer ist – das Modell oder Programm mit seiner abstrakt-mathematischen Logik. Nicht die kunstwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage der Realität in der Fotografie, sondern die Verwobenheit dieses Mediums selbst ist für die eigene künstlerische Praxis von entscheidender Bedeutung.
Was im Folgenden interessiert, ist daher weniger die behauptete oder aufgegebene Beziehung zwischen Realität und Abbild, sondern vielmehr die Beziehung zwischen Abbild und Bild. Als Abbild wird in der eigenen künstlerischen Auseinandersetzung eine Fotografie aus dem Archiv verwendet. Die Fotografien als Abbilder dienen als Basis für eine Simultan-Geschichte. Diese Simultan-Geschichten entstehen aus einer subjektiven Imagination. Denn als Betrachtende kann ich nicht wissen was vor und nach dem Schuss des Fotos passiert ist. Die Imagination entziffert die Abbilder, die auf einer Oberfläche liegen. Es wird nach Spuren und Hinweisen gesucht.
Flusser bezeichnet dies als Scanning des Bildes, indem nach einer Synthese zweier Intentionen geforscht wird: „Jener, die sich im Bild manifestiert, und jener des Betrachters. Es folgt, da[ss] Bilder nicht ‚denotative‘ (eindeutige) Symbolkomplexe sind (wie etwas Zahlen), sondern ‚konnotative‘ (mehrdeutige) Symbolkomplexe: Sie bieten Raum für Interpretationen.“ (Flusser 1994: 8)
Der Wunsch, eine Art von Spur in der Welt zu hinterlassen, die meine Existenz beweist, spiegelt die Thesen von Roland Barthes wider, dass Fotografien die Verbindung von Realität und Vergangenheit festhalten und als Emanation des Referenten wirken. Vilém Flusser erweitert diese Perspektive, indem er auf die komplexe Beziehung zwischen Technik und Bedeutung hinweist. Nach Flusser sind Fotografien nicht nur Abbilder der Realität, sondern auch konstruierte Ansichten, die durch kulturelle und technische Codes geprägt sind. Er sieht in der Fotografie eine neue Form der Kommunikation, die nicht nur die Vergangenheit dokumentiert, sondern auch neue Bedeutungen schafft. In diesem Sinne tragen Fotografien dazu bei, die Realität aktiv zu formen, anstatt sie nur abzubilden. Sie sind Zeugnisse einer individuellen Existenz, aber auch Ausdrucksformen, die in einem größeren kulturellen und technologischen Kontext stehen.
Durch diese fotografischen Abbilder hinterlasse ich nicht nur eine Spur meiner Existenz, sondern beteilige mich auch an der kontinuierlichen Gestaltung und Interpretation der Welt. Persönliche Erinnerungen und kollektive Bedeutungen verschmelzen in den Bildern, die ich schaffe und hinterlasse. Durch die Verwendung verschiedener Abbilder in meinen Arbeiten werden sowohl eigene als auch fremde Repräsentationsformen und unterschiedliche ontologische Realitäten miteinander verwoben. Fiktionalität, in Form eines Jonglierens zwischen Sein und Schein, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Realität und Bild, wird in meinen Arbeiten zum zentralen Thema.
Bazin, André: „Ontologie des fotografischen Bildes“, in: ders.: Was ist Kino? Baustein zur Theorie des Films, Köln, 1975, S. 21-27.
Flusser, Vilém: Eine Philosophie der Fotografie, 7. Aufl., Göttingen, 1994.
Hans-Diether Dörfler: Das fotografische Zeichen, in: Fotografie und Realität. Forschung Soziologie , vol. 73, Wiesbaden, 2002, DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-663-10085-0_1.
Dobbe, Martina: Bildlose Bilder? Zum Status des Bildes im Medienzeitalter, In: Fotografie als theoretisches Objekt. Leiden, Niederlande, 2007, DOI: https://doi.org/10.30965/9783846744468_007.