Digitale Emanation und die Verschmelzung von Medien

„Erst wenn wir wieder eine Differenz, also eine Unterscheidung zwischen Bild und Wirklichkeit herstellen, beginnen wir wieder über das Bild nachzudenken und das heißt das Bild zu befragen und zu hinterfragen.“ 

Marcus Kaiser (Vgl. Winfried/Holschbach/Löffler 2018: 8)

Die Zäsur des Digitalen manifestiert sich unter anderem in der Fusion bewegter und unbewegter fotografischer Bilder auf portablen Medien und im Internet. In dieser Verbindung erscheint das, was wir als Abbild in Form von Fotografie oder Film wahrnehmen, lediglich als die sichtbare Oberfläche eines komplexen Gefüges aus Hardware und Software, menschlichen und apparativen Aktivitäten sowie technologischen und ökonomischen Imperativen. Der wesentliche Unterschied zur analogen Fotografie liegt nicht nur im technologischen Wandel vom Korn zum Pixel, vom Film zur Bilddatei, sondern auch in den Praktiken, die durch die Einbindung in digitale Infrastrukturen entstanden sind und diese mitgestalten – insbesondere in der Vernetzung und Verbreitung von Bildern. Neben der Vereinfachung der Verbreitung von Abbildern durch digitale Infrastrukturen haben sich auch der Umgang mit Bildern, ihre Ästhetik und die Wahrnehmungsbereiche verändert. Eine Vielzahl von Praktiken der Verknüpfung, Verteilung, An- und Neuordnung ist entstanden, um Bilder in Beziehung zu setzen und visuelle Relationen entstehen zu lassen. Internetplattformen und digitale Datenbanken werden zu Schulen des vergleichenden Sehens, zu einem Raum der Imagination und Assoziation verteilter Bilder, der zugleich neue Bildpolitiken erfordert. 

Digitale Infrastrukturen beeinflussen nicht nur die Auswahl, Präsentation und Ordnung von Bildern, sondern wirken auch auf die Praktiken der Bildherstellung.

Die fünf sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie, die Pierre Bourdieu und Luc Boltanski in ihrer prominenten Studie „Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie“ (1981) erwähnen, um das Interesse und die Freude am Erstellen, Betrachten und Aufbewahren von Fotografien zu erfassen – Schutz vor dem Vergessen, Kommunikation mit anderen, Ausdruck von Gefühlen, gesellschaftliches Prestige sowie Ablenkung oder Flucht aus dem Alltag – müssen  die digitalen Praktiken des Teilens und Verbreitens von Bildern in digitalen Infrastrukturen erweitert werden. Die infrastrukturellen Gesten des Teilens, Mitteilens und Verteilens haben die sozialen Praktiken in digitalen Kulturen geformt und sind Gegenstand von Aushandlungsprozessen geworden – sie haben nicht zuletzt die politische Utopie einer Share Economy hervorgebracht, die sich den Slogan ‚sharing is caring‘ auf die Fahnen geschrieben hat. Auf Plattformen wie Pinterest, Flickr, Tumblr, Instagram, Snapchat werden Bilder unter anderem geteilt, vernetzt, referenziert, kopiert, angeeignet, manipuliert, archiviert und reproduziert. Im Gegensatz zu früheren Formen der Reproduktion ist die digitale Reproduktion verlustfrei. Diese prinzipiell unendliche Reproduzierbarkeit jenseits der Mechanik führt zu einer exponentiellen Ent-Auratisierung, wie sie Walter Benjamin in „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ beschrieben hat, und letztlich zu einer Ablösung der Speicherung erinnerbarer Inhalte von einer materiellen Grundlage. 

Die Frage stellt sich, ob man bei der digitalen Emanation visueller Reproduktion noch von reinen Fotografien oder Malereien oder eher von digitalen Abbildern/Foto-Grafiken sprechen sollte. In der eigenen künstlerischen Praxis wird versucht, sich der digitalen Emanation visueller Reproduktion anzunähern, indem Fotografien, Abklatschbilder aus Malereien und Scans aus Zeitschriften digital-analog zusammengeführt werden. Diese digitalen Kopien werden als Rohstoff verwendet, der ständig verändert und kombiniert wird. Dabei wird die Glaubwürdigkeit von (Ab-)bildern und die klare Trennung der Gattungen Malerei und Fotografie hinterfragt.

Die Grenzen zwischen Fiktion und vermeintlicher Realität werden aufgebrochen; die Medien durchdringen sich, das Simultan tritt ein, während vergangene Techniken im Verborgenen weiterhin bestehen. Dies entspricht McLuhans Theorie, dass einzelne Medien nie vollständig durch ein neues Medium ersetzt werden. 

Zwar wirken die Arbeiten aus ‚In Between‘ auf dem ersten Blick, als seien diese mit Hilfe von KI erstellt worden, aber es sind Reproduktionen bzw. Simultane von Spuren und Zitate des dokumentarischen analogen Materials. Derzeitige Arbeiten in Form von Fotografiken, UV-Prints in Verbindung mit dem Siebdruck auf Bannerstoffen sind erst der Beginn dieser Auseinandersetzung. Durch den Druck auf der glatten Plastik-Oberfläche wird der Schein an das ‚wahre‘ Abbild sofort offengelegt. Indem das Simultan der Malerei(n) wieder auf Keilrahmen gespannt wird, wird der Bezug zum Original, dem digitalen Rohstoff, genommen. Gleichzeitig dient dieser Akt als Hoax an die Malerei aber auch der Fotografie selbst, welches weiterhin sich als höchste Kunstform versteht aber sich auch durch das Aufkommen der KI bedroht fühlt.

Vgl. Winfried, Gerling/ Holschbach, Susanne/ Löffler, Petra : Fotografische Praktiken in der digitalen Kultur, Bielefeld, 2018.